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TagesWoche

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Do, 17.05.2012

Amador – Die Passionsgeschichte einer Frau

16.01.2012, 22:41Uhr

 

Eigentlich ist es zu spät, um Nelson zu sagen, dass sie ihn verlässt. Marcela ist in ihrer Ehe längst verstummt. Also teilt sie es ihrem Mann in einem Brief mit: Sie werde zurück in ihr Land fahren, ihn verlassen. Sie zieht los, mit ihrem Koffer, aus der tristen Neubausiedlung hinaus.

Wer „Princesas“ gesehen hat, oder „Los Lunes al Sol“ weiss, dass das erst der Anfang ist. Aranoa gewinnt jedem Elend noch ein weiteres ab.

Am Abend sitzt Marcela wieder zu Hause, bei ihrem Mann. Sie sagt kein Wort von ihrem Aufbruch. Das macht sie fast während des ganzen Films: Schweigen. Wozu hätte sie auch etwas sagen sollen? Ihr Mann betrügt sie. Ihr Mann verhökert Blumen, die seine Träger auf Blumenmärkten aus dem Abfall fischen. Ihr Mann hat es zu einem Bett und einem Kühlschrank im Zimmer gebracht. Darin werden die Blumen gekühlt, die morgen verkauft werden sollen.

Viel Einkommen bringt das nicht. Schon gar kein Auskommen. Marcela muss einen Job suchen.

Auch dies tut sie, fast wortlos, und stürzt in die nächste Stille: Einen Sterbenskranken soll sie pflegen, dafür kriegt sie Geld, das auch wieder nicht reichen wird, aber sie schweigt weiter.

Dem Alten sagt sie nichts von ihrem Kind, ja, sie sagt, als er stirbt, noch nicht einmal dessen Tochter, dass er tot ist, sonst verliert sie nämlich ihren Job. Also geht sie weiterhin zum Toten, trägt die Blumen ihres Mannes ans Bett, und zündet eine Kerze an. Die Einzige, mit der sie nach Tagen ihr Elend teilt, ist eine Berührerin, die immer Donnerstag den Alten mit ein wenig Handarbeit beglückt. Aber jetzt, wo er tot ist, ist auch das mit dem Beglücken vorbei: Die Nutte und die Heilige sitzen plötzlich an einem Totenbett und werden ein Team.

Fernando Leon de Aranoa hat wieder eine motivisch einfache, schlicht konstruierte Geschichte gebaut. Eine kleine literarische Perle. Mit nur wenigen Sätzen und Motiven baut er das Leiden einer fast alltäglichen Geschichte zu einer Passionsgeschichte der Marcela aus, die an ihrer Hilflosigkeit einzugehen droht. Man will ihr kaum mehr zuschauen, wenn sie auch die letzte Hilfe nicht ergreift, und stattdessen immer tiefer in ihrem Schweigen ertrinkt: Nicht einmal dem Pfarrer gesteht sie ihre Not. Selbst Gott, von der der Alte ihr sagt, er habe die Wolken gemacht, um seine Scham dahinter zu verstecken, hat Erbarmen. Da ist es nur logisch, dass sie am Ende einen letzten Ausweg aus dem Elend sieht ...  und einer Überraschung begegnet, die hier nicht verraten sein soll.

Aranoa erzählt seine Geschichte dieser qualvollen Hilflosigkeit mit religiösem Ingrimm. Wer gerne Motive literarisch konjugiert sieht, kann sie hier in fast beläufig bebilderter Art lesen: Allein, wie Aranoa seine Puzzle-Teile als zerrissene Brieffetzen, in einem zusammengesetzten Foto, im letzten Sterbegruss, als Kreuzchen in der Hand, und, schliesslich zu einem Meerblick zusammengesetzt, auftauchen läss, zeigt seine Fähigkeit zu grandioser Reduktion. Das ist die Stille des Filmes wert. Auf Längen allerdings muss man gefasst sein. Da wird es manchmal zur Qual, dass man nicht aufstehen darf, und Marcela beistehen.

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