Lichtspiele
Lichtspiele

Es gibt Kinder, die werden Brüllkinder genannt. Sie dürfen ein Mal raten, warum. Richtig. Brüllkinder lassen dem unbedingten Willen, sich ungebührlich mitzuteilen, freien Lauf. Es gibt Brüllkinder in Fankurven, bei Rockkonzerten oder in Kleinkinderbetten. Martin Suter interessiert sich in «Nachtlärm» für Brüllkinder in Kinderbetten. Wir haben es mit Eltern zu tun, deren Alltag zu Allnacht wird.
So fängt das an: Eltern mit olympischen Ringen um die Augen ringen irgendwo in Zürich um Schlaf. Plus Beischlaf. Dagegen spricht ihr Babyphon. Besser gesagt: es brüllt! Was hilft da? Rütteln? Füttern? Schütteln? Nein. Das Kind schläft erst wieder ein, wenn es mit durch die Gegend gefahren wird. Im Auto. Hat es die Schlafgeschwindigkeit erreicht - 130km/h - gibt es Ruhe.
Lange, denkt man, wird das nicht gut gehen im Kanton der Fotoblitzer, der hauptsächlich aus Innerorts besteht. Doch es kommt anders. Das zerstrittene Paar gerät nach kurzer Zeit auf der Autobahn in eine ganz anderweitig verblüffend schwarze Nacht. Eine Nacht, die ihre gewalttätigen Schattenseiten zeigt: Erst wird dem Paar das Auto samt Inhalt (Kind) gestohlen, worauf das Paar selber ein Auto klaut - zwecks Verfolgung, dann aber von einem Motorradfahrer beim Verfolgen verfolgt wird - in die Tiefe der Pampa.
Sebastian Blomberg, den wir von seiner Zeit an den Basler Theatern noch schätzen, gibt einen herrlich nervigen Vater. Maria Lara geht mit Verve eigene Wege. Georg Friedrich sorgt für das Unberechenbare und Carol Schuler besticht durch ihre sehr persönliche Exzentrik. Schaub findet hübsche Bilder und stolpert über die Fallen der Geschichte: Die Dialoge tanzen nicht, wie sie es bei Suter sonst gern tun, leichtfüssig über dem Abgrund.
Die Geschichte ist letztlich zu leicht voraussagbar. Zumindest hätte sie einen empathischeren Einstieg verdient, um uns begeistert auf die Reise mitzunehmen: Hätte Martin Suter das Drehbuch einem Argentinier gegeben, der hätte wahrscheinlich erst einmal das Eltern-Paar vergnügt sich lieben lassen, das Kind ein wenig brüllen lassen, und die Eltern im Jux herausfinden lassen, dass das Kind irgendwie nervt, aber Verblüffenderweise zum Schlafen gebracht werden kann, wenn es herumgekarrt wird ... in einem offenen Chevi Impala. So steigt der «Nachtlärm» etwas beziehungsdüster ein – und amüsiert etwas angestrengt streng.
Immerhin mit Einem tröstet uns «Nachtlärm»: Die Zersiedelung des Mittellandes ist nicht alarmierend. Man kann dort immer noch stundenlang herumgurken, ohne auf Spuren von Zivilisation zu stossen.
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