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TagesWoche

Tages Woche

Do, 17.05.2012

Onlinemedien, vergesst mal das Tempo!

5.12.2011, 15:23Uhr
Das Dossier «Reading The Riots» des Guardian

Das Dossier «Reading The Riots» des Guardian(Bild: Screenshot guardian.co.uk)

Das Dossier «Reading The Riots» des Guardian

Das Dossier «Reading The Riots» des Guardian

Ein Grund, warum der Journalismus im Netz noch lange nicht so gut ist, wie er sein könnte, ist der, dass er noch immer auf einigen fatalen Grundannahmen beruht. Die Fehlannahme, dass man den Erfolg von Journalismus im Netz in Page Impressions messen können, habe ich bereits abgehandelt und gewissermassen zum sarkastischen Namensgeber dieses Blogs gemacht.

Eine zweite fatale Fehlannahme ist die, dass die grösste Stärke des Journalismus im Netz die Geschwindigkeit sei. Natürlich kann man Neuigkeiten online schneller verbreiten als in einer Zeitung, die erst gedruckt werden muss, oder als im Fernsehen, wo die Nachrichten immer zu einer bestimmten Zeit ausgestrahlt werden. Journalismus im Netz bedeutet aber auch, dass man punkto Geschwindigkeit an den Allerschnellsten innerhalb desselben Mediums gemessen wird.

Das Problem mit den twitternden Schildkröten

Und da wiederum haben Journalisten ein Problem. Das Hase-Schildkröten-Problem. Der Journalist kann den News noch so schnell nachhoppeln, irgendeine Schildkröte ist immer schon da und hat es getwittert. Das ist eine einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung: Es gibt mehr Menschen mit mobilem Zugang zum Internet als Journalisten. Also ist die Wahrscheinlichkeit immer grösser, dass irgendjemand am Ort des Geschehens steht, als dass ein Journalist da steht.

Geschwindigkeit ist immer relativ dazu, mit wem man sich misst. Ein jeder Journalist mit etwas Berufsstolz wird beim Vergleich mit einem x-beliebigen Twitterer empört einwerfen, dass man das wohl nicht vergleichen könne. Eine News dahertwittern, weil man zufälligerweise zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, ist keine grosse Leistung. Journalisten erbringen ihre Leistung, indem sie News einordnen.

Genau so ist es. Man braucht nun aber nur einen Schritt weiterzudenken. Dann wird man realisieren, dass das Ausformulieren einer News über vier Abschnitte ebenfalls eine sehr dürftige Einordnungsleistung ist und Geschwindigkeit daher nicht das sein kann, wodurch sich der Journalismus im Netz von anderen Medienformen abhebt und womit ein Onlinemedium sich gegenüber der Konkurrenz profilieren kann.

Das grosse Bild zeichnen

Die wahre Stärke des Journalismus im Netz besteht darin, dass er Themen beliebig umfassend darstellen und über Zeit verfolgen kann. Da, wo Journalismus nicht auf der Mikroebene Antworten liefert auf die Frage, was gerade geschieht. Sondern das grosse Bild liefert auf die Frage, worum es eigentlich geht und was das alles bedeutet.

Es ist erfreulich zu sehen, dass immer mehr Medien im Netz Dossiers pflegen, in denen sie grosse Themen aufwändig bearbeiten. Hier kann der Journalismus im Netz all seine Stärken ausspielen, um ein informatives und attraktives Gesamtbild zu zeichnen: Multimedialität, Interaktion, Kollaboration, Verlinkung externer Quellen und vieles mehr – alles ohne Platzbeschränkung, alles bei Bedarf aktualisierbar.

Ein hervorragendes aktuelles Beispiel, das mich angeregt hat, diesen Text zu schreiben, findet sich im Guardian. Man hat sich viel Zeit genommen (und externe Fachkräfte beigezogen), um den Ursachen für die Unruhen in diesem Sommer in verschiedenen Städten Grossbritanniens auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist «Reading the riots», ein herausragendes Stück Journalismus, das so nur online erscheinen konnte.

Andere gute Beispiele:

Und auch wir geben uns Mühe:

  1. Geduldige LeserInnen

    von Philipp Grünenfelder um 5.12.2011 um 15:49Uhr

    Danke, David Bauer für den Beitrag: "Endlich" ein Online-Journalist, der ekennt, dass nicht alles zu relevanten oder interessanten News wird, nur weil man es ratzfatz auf einem Online-News-Portal publiziert. Es bedingt aber auch LeserInnen, die es mal aushalten, dass eine Stunde lang keine (No-)News auf der Info-Seite ihrer Wahl erscheinen. Ich zähle mich selber auch zu dieser "Lerngruppe"...
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  2. Fokus schärfen

    von Marcel Bernet um 6.12.2011 um 09:07Uhr

    Stimmt, David, treffend auf den Punkt gebracht. Mir fehlt ein wenig der Beschrieb der Zwickmühle - denn Online-Medien müssen beides beherrschen: Schnell "dabei" sein bei Neuigkeiten und differenziert in einen Zusammenhang stellen. Das zweite kommt oft noch zu kurz; danke für den interessanten Link zum Guardian. Wohin reines Klick-Zählen führen kann, habe ich im April mit einem Blick in die USA beschrieben: bernetblog.ch/2011/04/19/medien-zwischen-klicks-und-qualitaet/
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  3. Entschleunigung

    von Kai Voigtländer um 6.12.2011 um 13:10Uhr

    Endlich schreibt es mal einer! Dass die Stärke des Online-Mediums gerade eben nicht in der Schnelligkeit liegt, sondern in der Tiefe und der Multimedialität der Darstellung. Sie glauben gar nicht, wie schwierig es ist, dieses Prinzip in der Journalistenausbildung durchzusetzen - wenn es immer heißt: schnellschnell, nicht länger als eine Stunde für eine Slideshow, später in den Redaktionen haben sie alle keine Zeit für lange Stücke und Formate.
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  4. Wenig für nichts

    von Luc Hubel um 8.12.2011 um 01:15Uhr

    Ich stimme absolut zu dass der Geschwindigkeitswahn zu Qualitätsverlusten führt. Des Weiteren rückt dabei auch - wie festgehalten - das zugegebenermassen grosse Potenzial des Mediums Internet etwas in den Hintergrund. Aber es ist auch so, dass Schnelligkeit (selbst innerhalb eines Mediums) einmal eine Qualitätsauszeichnung war. Zudem herrschen in England etwas andere Bedingungen als hierzulande. Eine Vielzahl britannischer Onlineportale verkaufen den gesamten Inhalt ihrer Seiten nur gegen ein Entgelt. In der Schweiz ist das - obwohl bereits viel und oft darüber geredet wird und anscheinend auch eine Bereitschaft existiert - (noch) nicht so. Und solange sich das nicht ändert, werden sich Aufhellungen am breiten Qualitätshimmel wohl eher zäh durchsetzen. So bleibt das Rennen nach Klicks (anstatt Abonnenten) und die damit verbundenen Werbeeinnahmen auf den Onlineredaktionen oberste Priorität. Der Leser bezahlt nichts und bekommt dafür wenig.
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  5. TagesWoche Redaktion

    Was kostet, ist nicht automatisch gut

    von David Bauer um 8.12.2011 um 12:10Uhr

    Qualität und ein Bezahlmodell in einen direkten Zusammenhang zu setzen, halte ich für falsch. Gerade der im Artikel erwähnte Guardian ist das beste Beispiel dafür, dass man auch hervorragende Inhalte anbieten kann, wenn man sie online kostenlos zugänglich macht. Jene Onlineportale, die in England auf Bezahlmodelle umgestellt haben, mussten teils drastische Einbussen in der Leserschaft in Kauf nehmen. Und Qualiät lässt sich langfristig nur finanzieren, wenn man genügend Leser erreicht.
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  6. Lösung?

    von Luc Hubel um 8.12.2011 um 15:17Uhr

    Mein Kommentar war ein Versuch, einen eventuellen und partiellen Lösungsansatz zu finden. Es liegt auf der Hand, dass nicht nur eine Komponente zur Sicherung der Qualität beiträgt. Sowie es auch stimmt, dass Qualität sich langfristig nur finanzieren lässt, wenn man genügend Leser erreicht. Aber das alleine reicht nicht: Der Kunde ist nicht bereit für minderwertige Qualität zu bezahlen. Das heisst, dass zuerst die Qualität stimmen muss, bevor jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Sie haben die Leserschaftseinbussen auf dem englischen Onlinemarkt thematisiert, konkret kommt mir da die Times in den Sinn. Die hat wohl (online) viele Leser verloren, sie kann es sich aber aufgrund der hohen Qualität vor allem, aber nicht nur, im Printbereich leisten. Hier gibt es Parallelen zum Schweizer Printmarkt. Die NZZ und weitere Tageszeitungen auf Augenhöhe verlieren Jahr für Jahr Leser an Gratiszeitungen wie Blick am Abend oder 20 Minuten. Dementgegen bringen Erstere aber Qualität - auch (mit Ausnahme des Tagis vielleicht) online. Nur kostet diese hier noch nichts. Ich denke immer noch, dass die Massnahme, eine Gebühr auf Onlineinhalte zu erheben, zumindest für die etablierten Qualitätsblätter, einen Beitrag (!) zur Qualitätssicherung leisten könnte.
    Natürlich ist es eine schwierige Thematik und Lösungen sind bestimmt alles andere als einfach aber sie haben nur gesagt, was am momentanen Zustand unbefriedigend ist (und ich stimme Ihnen dabei zu), bringen aber keinen Ansatz zur möglichen Lockerung des Problems. Oder haben Sie noch ein Ass im Ärmel? Ich bin gespannt.
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  7. Mikro vs. Makro

    von Levin G um 9.12.2011 um 14:53Uhr

    Ich finde es problematisch, über die kurzlebigen News zu wettern und einen Lobgesang auf die Hintergrundberichte anzustimmen. In Tat und Wahrheit muss Journalismus doch beides leisten. Die genannten Dossiers, welche beides im Kontext eines Themenbereichs einordnen, sind da sicher ein Vorteil des Internets.

    Es bleibt jedoch ein Konflikt ökonomischer Natur. Es ist leichter, eine Gratiszeitung oder ein Newsportal mit Agenturmeldungen zu füllen und durch Werbung zu finanzieren, als dasselbe auf Basis von aufwändig recherchierten, kostenintensiven Reportagen zu machen. Weil viele Leute gar nichts für ihre Berichterstattung zahlen wollen resp. sich über die Konsequenzen des Gratiskonsums nicht im Klaren sind, kriegen wir mehrheitlich schnell aufbereitete Aktualitäten.

    Die Schwierigkeit besteht darin, eine Zahlungsbereitschaft für den Journalismus der Makro-Perspektive zu schaffen. Hier ist Selbstbewusstsein auf Seiten der Verlage gefragt, auch mal was Neues zu probieren. Im Moment gibt es News und halbgare Hintergrundberichte gratis, gewürzt mit ein paar hochwertigen Analysen pro Jahr. Wäre es nicht einfach, auf den Zeitungsportalen zusätzlich einen kostenpflichtigen Bereich für jene einzurichten, die mehr (aber nicht einfach die gedruckte Zeitung) wollen? Ich behaupte, es gibt diese Leute.
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  8. TagesWoche Redaktion

    Fokus verschieben

    von David Bauer um 9.12.2011 um 17:19Uhr

    Levin G, ich teile ihre Meinung durchaus. Im Titel meines Beitrags steht darum auch das "mal". Ich meine nicht, dass Journalismus im Netz nicht mehr schnell sein sollte und sich nur noch auf das Aufarbeiten von Hintergründen beschränken sollte. Derzeit wird aber vielerorts zu einseitig auf Geschwindigkeit gesetzt, im Irrglauben, dass dies das matchentscheidende Kritierium sei. Darum mein Wunsch: "Mal" das Tempo vergessen und darüber nachdenken, wie echte Alleinstellungsmerkmale von Journalismus im Netz aussehen könnten.
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  9. Konkretisierung der Pläne benötigt Finanzierung

    von Christoph B um 12.12.2011 um 15:53Uhr

    Ich kann der Ansicht von David Bauer beipflichten, dass man die Vorteile und die Möglichkeiten von Onlinemedien viel stärker miteinbeziehen und die Geschwindigkeit einer aktuellen Nachricht nicht die oberste Priorität besitzen soll. Ich sehe dies jedoch auch aus einem eher kritischeren Blickwinkel und betrachte die aktuelle Situation der Leserschaft und den verschiedenen Zielgruppen. Ein Grossteil der Rezipienten ist einerseits darauf aus, dass man brandaktuelle und andererseits billige bzw. am besten kostenlose Nachrichten serviert bekommt. Um beides vereinen zu können, greifen viele Onlineportale von Zeitungen auf die erwähnten Agenturmeldungen und die (dank eines grösseren Publikums) damit einhergehenden Werbeeinnahmen zurück. 20 Minuten hat bezüglich Print- und auch Onlinezugriffen eine viel grössere Reichweite als zum Beispiel die NZZ und hat somit auch höhere Werbeeinnahmen und eigentlich mehr Ressourcen für eine grössere Redaktion und aufwendigere Recherchen. Folgt daraus eine höhere Qualität? Nein. Denn man ist sich bewusst, dass man für die durchschnittliche Bedürfnisbefriedigung der Leser, keine längeren und makroperspektivische Berichte benötigt, um die hohe Anzahl der Leser ("Klicker") zu behalten oder zu erweitern. Man könnte also Qualität dank finanzieller Sicherheit langristig garantieren, aber würde sich durch zuviel Qualität die Finanzierung möglicherweise sogar nicht mehr langfristig erhalten können. Daher sehe ich für eine kostenlose und gleichzeitig qualitative Berichterstattung keine langfristige Zukunft und tendiere eher zu einem Bezahlmodell. Das Internet liefert einfach zuviele Möglichkeiten für eine kostenlose Rezeption. Sicherlich ist ein direkter Zusammenhang zwischen Qualität und einem Bezahlmodell nicht herzustellen umgekehrt ist dies jedoch auch nicht zwischen steigenden Werbeeinnahmen und gleichzeitig steigender Qualität möglich. Um es überspitzt zu formulieren gibt es 2 Gruppen von Lesern, die grössere Gruppe bedient sich der Mikroperspektive und vorwiegend emotionalisiertender, skandalisierender und personalisierender Berichterstattung während sich eine beträchtlich kleinere Gruppe für sachlichere Berichterstattung und auch die Makroperspektive interessiert. Da die erste Gruppe viel höhere Werbeeinnahmen garantiert, muss die eher qualititative Berichterstattung andere Einnahmequellen beiziehen, um die langfristige Qualität auch garantieren zu können.
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  10. Geduldige LeserInnen

    von othbuc um 13.12.2011 um 16:03Uhr

    Und neben denen, die auch mal auf was neues warten können braucht es die, die in der Lage sind auch mal mehr als eine Schlagzeile und einen kurzen Nachsatz dazu zu lesen. Leute, die bereit sind, mal unvoreingenommen eine oder zwei Spalten oder Seiten zu lesen, verstehen zu versuchen und möglicherweise über den Inhalt sogar noch nachzudenken. Das braucht Zeit und Energie. Und die muss man aufbringen wollen.
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  1. Geduldige LeserInnen

    von Philipp Grünenfelder um 5.12.2011 um 15:49Uhr

    Danke, David Bauer für den Beitrag: "Endlich" ein Online-Journalist, der ekennt, dass nicht alles zu relevanten oder interessanten News wird, nur weil man es ratzfatz auf einem Online-News-Portal publiziert. Es bedingt aber auch LeserInnen, die es mal aushalten, dass eine Stunde lang keine (No-)News auf der Info-Seite ihrer Wahl erscheinen. Ich zähle mich selber auch zu dieser "Lerngruppe"...
    Direktlink zum Kommentar

  2. Fokus schärfen

    von Marcel Bernet um 6.12.2011 um 09:07Uhr

    Stimmt, David, treffend auf den Punkt gebracht. Mir fehlt ein wenig der Beschrieb der Zwickmühle - denn Online-Medien müssen beides beherrschen: Schnell "dabei" sein bei Neuigkeiten und differenziert in einen Zusammenhang stellen. Das zweite kommt oft noch zu kurz; danke für den interessanten Link zum Guardian. Wohin reines Klick-Zählen führen kann, habe ich im April mit einem Blick in die USA beschrieben: bernetblog.ch/2011/04/19/medien-zwischen-klicks-und-qualitaet/
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  3. Entschleunigung

    von Kai Voigtländer um 6.12.2011 um 13:10Uhr

    Endlich schreibt es mal einer! Dass die Stärke des Online-Mediums gerade eben nicht in der Schnelligkeit liegt, sondern in der Tiefe und der Multimedialität der Darstellung. Sie glauben gar nicht, wie schwierig es ist, dieses Prinzip in der Journalistenausbildung durchzusetzen - wenn es immer heißt: schnellschnell, nicht länger als eine Stunde für eine Slideshow, später in den Redaktionen haben sie alle keine Zeit für lange Stücke und Formate.
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  4. Wenig für nichts

    von Luc Hubel um 8.12.2011 um 01:15Uhr

    Ich stimme absolut zu dass der Geschwindigkeitswahn zu Qualitätsverlusten führt. Des Weiteren rückt dabei auch - wie festgehalten - das zugegebenermassen grosse Potenzial des Mediums Internet etwas in den Hintergrund. Aber es ist auch so, dass Schnelligkeit (selbst innerhalb eines Mediums) einmal eine Qualitätsauszeichnung war. Zudem herrschen in England etwas andere Bedingungen als hierzulande. Eine Vielzahl britannischer Onlineportale verkaufen den gesamten Inhalt ihrer Seiten nur gegen ein Entgelt. In der Schweiz ist das - obwohl bereits viel und oft darüber geredet wird und anscheinend auch eine Bereitschaft existiert - (noch) nicht so. Und solange sich das nicht ändert, werden sich Aufhellungen am breiten Qualitätshimmel wohl eher zäh durchsetzen. So bleibt das Rennen nach Klicks (anstatt Abonnenten) und die damit verbundenen Werbeeinnahmen auf den Onlineredaktionen oberste Priorität. Der Leser bezahlt nichts und bekommt dafür wenig.
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  5. TagesWoche Redaktion

    Was kostet, ist nicht automatisch gut

    von David Bauer um 8.12.2011 um 12:10Uhr

    Qualität und ein Bezahlmodell in einen direkten Zusammenhang zu setzen, halte ich für falsch. Gerade der im Artikel erwähnte Guardian ist das beste Beispiel dafür, dass man auch hervorragende Inhalte anbieten kann, wenn man sie online kostenlos zugänglich macht. Jene Onlineportale, die in England auf Bezahlmodelle umgestellt haben, mussten teils drastische Einbussen in der Leserschaft in Kauf nehmen. Und Qualiät lässt sich langfristig nur finanzieren, wenn man genügend Leser erreicht.
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  6. Lösung?

    von Luc Hubel um 8.12.2011 um 15:17Uhr

    Mein Kommentar war ein Versuch, einen eventuellen und partiellen Lösungsansatz zu finden. Es liegt auf der Hand, dass nicht nur eine Komponente zur Sicherung der Qualität beiträgt. Sowie es auch stimmt, dass Qualität sich langfristig nur finanzieren lässt, wenn man genügend Leser erreicht. Aber das alleine reicht nicht: Der Kunde ist nicht bereit für minderwertige Qualität zu bezahlen. Das heisst, dass zuerst die Qualität stimmen muss, bevor jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Sie haben die Leserschaftseinbussen auf dem englischen Onlinemarkt thematisiert, konkret kommt mir da die Times in den Sinn. Die hat wohl (online) viele Leser verloren, sie kann es sich aber aufgrund der hohen Qualität vor allem, aber nicht nur, im Printbereich leisten. Hier gibt es Parallelen zum Schweizer Printmarkt. Die NZZ und weitere Tageszeitungen auf Augenhöhe verlieren Jahr für Jahr Leser an Gratiszeitungen wie Blick am Abend oder 20 Minuten. Dementgegen bringen Erstere aber Qualität - auch (mit Ausnahme des Tagis vielleicht) online. Nur kostet diese hier noch nichts. Ich denke immer noch, dass die Massnahme, eine Gebühr auf Onlineinhalte zu erheben, zumindest für die etablierten Qualitätsblätter, einen Beitrag (!) zur Qualitätssicherung leisten könnte.
    Natürlich ist es eine schwierige Thematik und Lösungen sind bestimmt alles andere als einfach aber sie haben nur gesagt, was am momentanen Zustand unbefriedigend ist (und ich stimme Ihnen dabei zu), bringen aber keinen Ansatz zur möglichen Lockerung des Problems. Oder haben Sie noch ein Ass im Ärmel? Ich bin gespannt.
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  7. Nachtrag

    von Luc Hubel um 8.12.2011 um 19:52Uhr

    Der Satz, der in Zeile 11 beginnt sollte natürlich heissen: Dementgegen bringen Erstere aber Qualität - im Vergleich mit den Gratisblättern auf Basis der redaktionellen Inhalte auch online.
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  8. Mikro vs. Makro

    von Levin G um 9.12.2011 um 14:53Uhr

    Ich finde es problematisch, über die kurzlebigen News zu wettern und einen Lobgesang auf die Hintergrundberichte anzustimmen. In Tat und Wahrheit muss Journalismus doch beides leisten. Die genannten Dossiers, welche beides im Kontext eines Themenbereichs einordnen, sind da sicher ein Vorteil des Internets.

    Es bleibt jedoch ein Konflikt ökonomischer Natur. Es ist leichter, eine Gratiszeitung oder ein Newsportal mit Agenturmeldungen zu füllen und durch Werbung zu finanzieren, als dasselbe auf Basis von aufwändig recherchierten, kostenintensiven Reportagen zu machen. Weil viele Leute gar nichts für ihre Berichterstattung zahlen wollen resp. sich über die Konsequenzen des Gratiskonsums nicht im Klaren sind, kriegen wir mehrheitlich schnell aufbereitete Aktualitäten.

    Die Schwierigkeit besteht darin, eine Zahlungsbereitschaft für den Journalismus der Makro-Perspektive zu schaffen. Hier ist Selbstbewusstsein auf Seiten der Verlage gefragt, auch mal was Neues zu probieren. Im Moment gibt es News und halbgare Hintergrundberichte gratis, gewürzt mit ein paar hochwertigen Analysen pro Jahr. Wäre es nicht einfach, auf den Zeitungsportalen zusätzlich einen kostenpflichtigen Bereich für jene einzurichten, die mehr (aber nicht einfach die gedruckte Zeitung) wollen? Ich behaupte, es gibt diese Leute.
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  9. TagesWoche Redaktion

    Fokus verschieben

    von David Bauer um 9.12.2011 um 17:19Uhr

    Levin G, ich teile ihre Meinung durchaus. Im Titel meines Beitrags steht darum auch das "mal". Ich meine nicht, dass Journalismus im Netz nicht mehr schnell sein sollte und sich nur noch auf das Aufarbeiten von Hintergründen beschränken sollte. Derzeit wird aber vielerorts zu einseitig auf Geschwindigkeit gesetzt, im Irrglauben, dass dies das matchentscheidende Kritierium sei. Darum mein Wunsch: "Mal" das Tempo vergessen und darüber nachdenken, wie echte Alleinstellungsmerkmale von Journalismus im Netz aussehen könnten.
    Direktlink zum Kommentar

  10. Konkretisierung der Pläne benötigt Finanzierung

    von Christoph B um 12.12.2011 um 15:53Uhr

    Ich kann der Ansicht von David Bauer beipflichten, dass man die Vorteile und die Möglichkeiten von Onlinemedien viel stärker miteinbeziehen und die Geschwindigkeit einer aktuellen Nachricht nicht die oberste Priorität besitzen soll. Ich sehe dies jedoch auch aus einem eher kritischeren Blickwinkel und betrachte die aktuelle Situation der Leserschaft und den verschiedenen Zielgruppen. Ein Grossteil der Rezipienten ist einerseits darauf aus, dass man brandaktuelle und andererseits billige bzw. am besten kostenlose Nachrichten serviert bekommt. Um beides vereinen zu können, greifen viele Onlineportale von Zeitungen auf die erwähnten Agenturmeldungen und die (dank eines grösseren Publikums) damit einhergehenden Werbeeinnahmen zurück. 20 Minuten hat bezüglich Print- und auch Onlinezugriffen eine viel grössere Reichweite als zum Beispiel die NZZ und hat somit auch höhere Werbeeinnahmen und eigentlich mehr Ressourcen für eine grössere Redaktion und aufwendigere Recherchen. Folgt daraus eine höhere Qualität? Nein. Denn man ist sich bewusst, dass man für die durchschnittliche Bedürfnisbefriedigung der Leser, keine längeren und makroperspektivische Berichte benötigt, um die hohe Anzahl der Leser ("Klicker") zu behalten oder zu erweitern. Man könnte also Qualität dank finanzieller Sicherheit langristig garantieren, aber würde sich durch zuviel Qualität die Finanzierung möglicherweise sogar nicht mehr langfristig erhalten können. Daher sehe ich für eine kostenlose und gleichzeitig qualitative Berichterstattung keine langfristige Zukunft und tendiere eher zu einem Bezahlmodell. Das Internet liefert einfach zuviele Möglichkeiten für eine kostenlose Rezeption. Sicherlich ist ein direkter Zusammenhang zwischen Qualität und einem Bezahlmodell nicht herzustellen umgekehrt ist dies jedoch auch nicht zwischen steigenden Werbeeinnahmen und gleichzeitig steigender Qualität möglich. Um es überspitzt zu formulieren gibt es 2 Gruppen von Lesern, die grössere Gruppe bedient sich der Mikroperspektive und vorwiegend emotionalisiertender, skandalisierender und personalisierender Berichterstattung während sich eine beträchtlich kleinere Gruppe für sachlichere Berichterstattung und auch die Makroperspektive interessiert. Da die erste Gruppe viel höhere Werbeeinnahmen garantiert, muss die eher qualititative Berichterstattung andere Einnahmequellen beiziehen, um die langfristige Qualität auch garantieren zu können.
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