Unterscheidet noch irgendwer «elektronischen» von anderem Journalismus? Eben. (Bild: bas:il auf Flickr)
Es ist kein Geheimnis, dass der Journalismus im Netz nach wie vor - nicht zuletzt in der Medienbranche selber - wenig Prestige geniesst.
Ein kleiner Schritt dorthin, dies zu ändern, könnte auf der sprachlichen Ebene geschehen. Vor dem Jahreswechsel habe ich diesen Tweet verfasst:
Und im neuen Jahr sagen wir alle nicht mehr Onlinejournalismus, sondern Journalismus im Netz. Who's in?
— David Bauer (@davidbauer) December 30, 2011
Es ist eine semantische Finesse, die mir aber umso wichtiger erscheint, je länger ich darüber nachdenke.
Das vorangestellte «Online» modifiziert das Wort «Journalismus». Die implizite Bedeutung des zusammengesetzten Worts ist demzufolge: Der Journalismus wird modifiziert, wenn er online geht. Darin enthalten ist eine Wertung: «Onlinejournalismus» ist mehrheitlich negativ konnotiert und wird nicht selten dazu verwendet, um eine Abgrenzung zu einem Idealbild von Journalismus vorzunehmen.
«Journalismus im Netz» dagegen macht die Aussage: Der Journalismus bleibt wie er ist, er unterscheidet sich lediglich im Verbreitungskanal.
Natürlich muss Journalismus im Netz anders aufbereitet werden als im Radio oder in einer Zeitung. Aber nicht um anders zu sein, sondern um gleich zu bleiben.
Journalismus, egal über welches Medium er verbreitet wird, hat immer dasselbe Ziel. Dieses erreicht er in unterschiedlichen Medien, wenn er jedem Medium angemessen unterschiedlich aufgemacht ist. Im Kern, bezüglich seiner Haltung und Wirkungsabsicht, bleibt er in jeder Medienform derselbe.
Sprachliche Präzision hilft dabei, dieses Verständnis zu schärfen. Ich für meinen Teil werde darum nur noch den Begriff «Journalismus im Netz» verwenden, wenn ich von Journalismus im Netz spreche.
Nachtrag 6.1.2012: Von verschiedener Seite wurde zu meinem Artikel angemerkt, dass man doch auch «Printjournalismus», «Radiojournalismus» oder «Fernsehjournalismus» sage. Das stimmt selbstverständlich. Dazu zwei Anmerkungen:
1. Diese drei Gattungsbegriffe bestehen alle schon länger als der des Onlinejournalismus und sind im Unterschied zu letzterem alle eher positiv oder zumindest neutral konnotiert. Zumindest in einer breiten Öffentlichkeit und heute noch. Es ist durchaus denkbar – und in Onlinekreisen bereits zu beobachten – dass gerade «Printjournalismus» zunehmend negativ konnotiert wird und sich mit demselben Problem konfrontiert sieht, das ich oben für «Onlinejournalismus» beschrieben habe. In diesem Sinne glaube ich, dass auch auch bei den Begriffen «Printjournalismus», «Radiojournalismus» oder «Fernsehjournalismus» eine Neuformulierung mehr Klarheit schaffen würde.
2. «Printjournalismus», «Radiojournalismus» oder «Fernsehjournalismus» beschreiben als solche nicht das Endprodukt mit Nennung des Verbreitungskanals wie es «Journalismus im Netz» tut, sie beschreiben den Prozess. Dies spiegelt sich auch in Berufsdefinitionen wie «Radiojournalist» oder «TV-Journalist». Ich halte das für fragwürdig. Die Aufgabe von Journalisten sollte es sein, Journalismus zu betreiben, der zumindest zu Beginn einer Recherche den Verbreitungskanal offen lässt. «Onlinejournalismus» zu betreiben, impliziert, dass man bereits weiss, dass die Geschichte online erscheint, bevor man sie begonnen hat. Der Verbreitungskanal einer Geschichte sollte aber nicht durch den Stellenbeschrieb des zuständigen Journalisten definiert werden, sondern dadurch, über welchen Kanal sich die Geschichte am besten erzählen lässt. Dass dies in der Praxis nicht immer zu bewerkstelligen ist, ist klar (ich selber wäre aufgrund meiner Fähigkeiten nicht in der Lage, eine Geschichte fürs Fernsehen zu machen, selbst wenn sie da am besten funktionieren würde), anstreben sollten wir es aber auf jeden Fall. Und diese Absicht somit auch sprachlich unterstreichen.
Bildquelle: bas:il, Flickr
Erinnert an einen guten Artikel aus "Die Zeit" aus dem Jahr 2001 (!)
www.zeit.de/2001/26/200126_c-medien-online.xml
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Die Aussage «Der Journalismus bleibt wie er ist, er unterscheidet sich lediglich im Verbreitungskanal.» wage ich anzuzweifeln. Gerade die «TagesWoche» zeigt doch auf, dass der Journalismus zunehmend bidirektional, und nicht mehr nur unidirektional funktioniert. Angesichts der Tatsache, dass einerseits Organisationen und Unternehmen immer mehr unmittelbar mit dem Publikum kommunizieren und dass andererseits das Web 2.0 auch das Potenzial zur Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit durch das Publikum hat, verändern sich eben auch die Ziele des Journalismus. Ich glaube, es gibt Journalisten, die sich der Herstellung einer analogen Öffentlichkeit verschrieben haben, und Journalisten, die der Herstellung einer neuen, digitalen Öffentlichkeit zugeneigt sind. Dabei verändern sich das journalistische Handwerk und die journalistischen Ziele genauso wie das Medium und die Art der hergestellten Öffentlichkeit. Mein Vorschlag also: Journalismus für die Analoge Öffentlichkeit und Journalismus für die digitale Öffentlichkeit. Zugegeben: klingt nicht wirklich sexy.
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Lieber Herr Schenkel, ich glaube, wir meinen dasselbe. Wenn ich schreibe, dass Journalismus immer derselbe ist, dann meine ich eben genau, dass er sich in jedem Medium wandeln muss, um im Kern derselbe zu bleiben. Das Netz ermöglicht dialogische, bidirektionale Kommunikation, also sollte sich der Journalismus im Netz daran orientieren und entsprechend praktiziert werden. Genauso wie Journalismus im Fernsehen eine Bildsprache pflegen muss oder Journalismus im Radio eine einfachere Sprache verwenden muss wie Journalismus in einem Wochenmagazin. Die Ziele des Journalismus sollten sich dabei nicht verändern.
Eine Unterscheidung in analoge und digitale Öffentlichkeit halte ich für kontraproduktiv. Journalismus ist für Menschen gemacht und Menschen bewegen sich heute genauso in der analogen wie der digitalen Welt, die Übergänge sind nahtlos und sollten keinesfalls künstlich verstärkt werden. Viel zu lange schon wurde die digitale Welt als etwas eigenes, vom analogen abgekoppeltes betrachtet.
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Finde deine Definition super...teile auch deine Argumente, habe aber pers. Vor allem ein Anderes:
Onlinejournalismus wird oftmals (zumindest meine Erfahrung) mit Recherchieren im Internet verwechselt. Nicht jede Webseite im Netz, über welche man beim Recherchieren stolpert, ist aber Journalistisch wertvoll und korrekt (Quellangaben, gute Recherchen etc) sondern sind z.t. einfach "Webseiten" mit pers. Meinungen und Inhalten.
Entsprechend könnte darum der falsche Schluss gezogen werden, dass jeder Blogger auch ein Onlinejournalist ist. Was so eben nicht stimmt, da ein Blogger kein (richtiger prof.) Journalist ist (oder sein muss, sondern eben einfach ein "Blogger").
Darum gefällt mir deine Definition „Journalist im Netz“ sehr gut:
- Es bezeichnet den Titel und die Arbeit der Person (Journalist und eben nicht KV Angestellter der blogt)
- Es bezeichnet das Medium in dem er/sie publiziert
Spannend wird sein, ob sich in Zukunft die Ausbildungen für Journalist im Netz & Journalist im Druckbereich (Offline, klassische Zeitungen) unterscheiden werden und wie stark (auch im Titel und in der Wahrnehmung). Aus meiner Sicht müsste dies der Fall sein, da sich der Journalist im Netz stark vom Offline Journalisten unterscheiden muss (Stichworte: Technisches Knowhow, Internet/Medium Kenntnisse, SEO optimierte Headlines & Texte etc.)
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Gut, können wir machen. Aber sagen wir dann konsequenterweise auch: Journalismus auf Papier (statt Printjournalismus), Journalismus über den Äther (statt Radiojournalismus) und Journalismus im Fernsehen (statt Fernsehjournalismus)?
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Und wie lautet denn die neue Berufsbezeichnung für einen vormaligen Onlinejournalisten? "Journalismus im Netz Journalist"? Oder "Journalist im Netz"?
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Journalist.
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Erinnert an einen guten Artikel aus "Die Zeit" aus dem Jahr 2001 (!)
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Die Aussage «Der Journalismus bleibt wie er ist, er unterscheidet sich lediglich im Verbreitungskanal.» wage ich anzuzweifeln. Gerade die «TagesWoche» zeigt doch auf, dass der Journalismus zunehmend bidirektional, und nicht mehr nur unidirektional funktioniert. Angesichts der Tatsache, dass einerseits Organisationen und Unternehmen immer mehr unmittelbar mit dem Publikum kommunizieren und dass andererseits das Web 2.0 auch das Potenzial zur Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit durch das Publikum hat, verändern sich eben auch die Ziele des Journalismus. Ich glaube, es gibt Journalisten, die sich der Herstellung einer analogen Öffentlichkeit verschrieben haben, und Journalisten, die der Herstellung einer neuen, digitalen Öffentlichkeit zugeneigt sind. Dabei verändern sich das journalistische Handwerk und die journalistischen Ziele genauso wie das Medium und die Art der hergestellten Öffentlichkeit. Mein Vorschlag also: Journalismus für die Analoge Öffentlichkeit und Journalismus für die digitale Öffentlichkeit. Zugegeben: klingt nicht wirklich sexy.
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Lieber Herr Schenkel, ich glaube, wir meinen dasselbe. Wenn ich schreibe, dass Journalismus immer derselbe ist, dann meine ich eben genau, dass er sich in jedem Medium wandeln muss, um im Kern derselbe zu bleiben. Das Netz ermöglicht dialogische, bidirektionale Kommunikation, also sollte sich der Journalismus im Netz daran orientieren und entsprechend praktiziert werden. Genauso wie Journalismus im Fernsehen eine Bildsprache pflegen muss oder Journalismus im Radio eine einfachere Sprache verwenden muss wie Journalismus in einem Wochenmagazin. Die Ziele des Journalismus sollten sich dabei nicht verändern.
Eine Unterscheidung in analoge und digitale Öffentlichkeit halte ich für kontraproduktiv. Journalismus ist für Menschen gemacht und Menschen bewegen sich heute genauso in der analogen wie der digitalen Welt, die Übergänge sind nahtlos und sollten keinesfalls künstlich verstärkt werden. Viel zu lange schon wurde die digitale Welt als etwas eigenes, vom analogen abgekoppeltes betrachtet.
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Finde deine Definition super...teile auch deine Argumente, habe aber pers. Vor allem ein Anderes:
Onlinejournalismus wird oftmals (zumindest meine Erfahrung) mit Recherchieren im Internet verwechselt. Nicht jede Webseite im Netz, über welche man beim Recherchieren stolpert, ist aber Journalistisch wertvoll und korrekt (Quellangaben, gute Recherchen etc) sondern sind z.t. einfach "Webseiten" mit pers. Meinungen und Inhalten.
Entsprechend könnte darum der falsche Schluss gezogen werden, dass jeder Blogger auch ein Onlinejournalist ist. Was so eben nicht stimmt, da ein Blogger kein (richtiger prof.) Journalist ist (oder sein muss, sondern eben einfach ein "Blogger").
Darum gefällt mir deine Definition „Journalist im Netz“ sehr gut:
- Es bezeichnet den Titel und die Arbeit der Person (Journalist und eben nicht KV Angestellter der blogt)
- Es bezeichnet das Medium in dem er/sie publiziert
Spannend wird sein, ob sich in Zukunft die Ausbildungen für Journalist im Netz & Journalist im Druckbereich (Offline, klassische Zeitungen) unterscheiden werden und wie stark (auch im Titel und in der Wahrnehmung). Aus meiner Sicht müsste dies der Fall sein, da sich der Journalist im Netz stark vom Offline Journalisten unterscheiden muss (Stichworte: Technisches Knowhow, Internet/Medium Kenntnisse, SEO optimierte Headlines & Texte etc.)
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Gut, können wir machen. Aber sagen wir dann konsequenterweise auch: Journalismus auf Papier (statt Printjournalismus), Journalismus über den Äther (statt Radiojournalismus) und Journalismus im Fernsehen (statt Fernsehjournalismus)?
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Und wie lautet denn die neue Berufsbezeichnung für einen vormaligen Onlinejournalisten? "Journalismus im Netz Journalist"? Oder "Journalist im Netz"?
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Journalist.
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Vor Jahren las ich, beim Ex-BaZ-Chefdirektor Matthias Geering, glaube ich (nicht sicher! Ist aber auch egal...) ein Argument gegen Online-Newsportale von gedruckten Zeitungen: Wir können doch nicht heute schon die Nachrichten ins Netz stellen die wir morgen erst verkaufen wollen! Leuchtete mir damals auch "irgendwie" ein. Heute glaube ich's nicht mehr: Wenn mir "meine" Zeitung kein Newsportal bietet, dann gehe ich eben zur Konkurrenz! Tue ich z.T. natürlich sowieso weil man online ja leicht auch in verschiedenen "Zeitungen" lesen kann. Und irgendwie erwarte ich, am nächsten Tag in der Zeitung trotzdem nicht einfach nur dasselbe zu lesen. Schlussfolgerung: Onlinejournalismus ist für mich wirklich eine eigene Spezies, und ihr schlechter Ruf beruht auf Unkenntnis! Oder anders: Onlinejournalisten müssen von mir aus keinen neuen Namen suchen, sondern zeigen dass sie ihr ganz spezielles Metier verstehen, bzw. zu entwickeln fähig sind!
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Guter Beitrag, gute Überlegung. Nur hapert es letztlich an einem: der Durchschlagskraft des Journalismus im Netz. Es wäre schön, wenn ein Scoop im Netz zuerst erfolgen würde. Doch Scoops sind immer noch auf Papier zu finden, scheint mir. Da das Netz per definitionem schnell bzw. schnelllebig ist, die Verweildauer auf einer Seite mit dem zuckenden Finger zu messen ist, der über der Maus zirkelt, ist dies eine wahre und grosse Aufgabe. Los also, ein Scoop für Basel!
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