Wochengedicht
Wochengedicht
Noch immer
Für E.
Noch immer ist’s
der horizont der jugendlichen hüfte
Noch immer ist
das zarteste
das zarteste
Des spiegels unerbittlichkeit
vermag uns nicht zu täuschen
Wir wissen mehr
als er
Es ist die Verlockung einer weiblichen Hüfte, die uns in das Gedicht verführt. Der Dichter spricht von einer Frau, deren Taille «noch immer» jugendlich aussieht, womit er andeutet, dass die Frau ihre Jugend hinter sich hat. Die Frau und er, das lässt er durchblicken, sind ein Paar, das gemeinsam alt geworden ist. Für ihn ist das kein Anlass zu Nostalgie oder Bedauern. Sein Gedicht bleibt nicht in Erinnerungen an ein Damals hängen, es spricht vom Jetzt, von einer weiblichen Erscheinung, die trotz fortgeschrittener Jahre das Jugendliche in sich bewahrt hat. Und nicht nur das Jugendliche, sondern auch «das zarteste». Was ist damit gemeint? Hat es, wie die Hüfte, mit Körper, mit Erotik zu tun?
Der Blick, den der Dichter in den Spiegel wirft, zeigt zwei gealterte Körper. Ein Spiegel lügt nicht, darüber macht er sich keine Illusionen. Aber kennt ein Spiegel die Wahrheit? Mag er auch Falten und Runzeln reflektieren, die Landschaft des Inneren wiederzugeben ist er nicht in der Lage. Er ahnt nichts von den Erfahrungen, welche die beiden Menschen verbindet, nichts von ihren Gefühlen füreinander, nichts von ihrem gegenseitigen Vertrauen. Gerade «das zarteste» entgeht ihm. Was der Dichter mit diesem Ausdruck genau meint, wissen nur die beiden Betroffenen – vielleicht eine Zuneigung, die Jahre überdauert hat ohne Schaden zu nehmen, vielleicht auch die gemeinsamen Gespräche, die zärtlichen Gesten, der Schatz unvergessener Stunden zu zweit.
Das Gedicht ist ein versteckter Liebesgesang des alt gewordenen Dichters an seine Gefährtin, die ihr Leben mit ihm geteilt hat. Ein Liebesgesang frei von Pathos, frei von Illusionen und Überhöhungen. Der Dichter ist sich darüber im Klaren, zu wem er spricht, und als wer. Dass er zu seiner Liebe noch immer steht, sie bekräftigt, macht seinen Gesang besonders kostbar.
Reiner Kunze wurde 1933 in Oelsnitz/Erzgebirge (DDR) geboren. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er bereits mit zwanzig Jahren. Im Verlauf seiner schriftstellerischen Arbeit geriet er immer mehr in Konflikt mit dem SED-Regime; 1977 siedelte er mit seinen Angehörigen in die Bundesrepublik über. Der gefeierte Prosaist, Lyriker und Übersetzer veröffentlichte bislang ein gutes Dutzend Lyrikbände, darunter auch Gedichte für Kinder. Das Gedicht ist dem Band «lindennacht» entnommen, das 2007 im S. Fischer Verlag erschien.
Ich finde, mit diesem Gedicht ist alles gesagt. Manchmal braucht es einfach nicht viele Worte, um zu verstehen, was der Dichter sagen will.
Mich hat es sehr berührt!
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Die Gedichte werden ja auch immer kürzer, obwohl das nicht unbedingt negativ ist, aber deswegen erlaube ich mir auch einen ganz kurzen Kommentar:
"Kein Kommentar - oder dem gibts es nichts hinzuzufügen"
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Noch kürzer: "Meine auch ich!"
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Ich finde, mit diesem Gedicht ist alles gesagt. Manchmal braucht es einfach nicht viele Worte, um zu verstehen, was der Dichter sagen will.
Mich hat es sehr berührt!
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